Die Raumgreifende
Jessica Maria Toliver
"…Die hat mir eigentlich einen Schlüssel in die Hand gedrückt zu einem Raum, den ich noch nicht kannte in mir."
Martina Taubenberger
Seit Anfang 2011 begleitet Martina Taubenberger als selbstständige Kuratorin, Konzeptentwicklerin und Künstlerische Leiterin Projekte in ganz Deutschland und im europäischen Ausland. Im „Blended Art Podcast“ präsentiert Martina Taubenberger Künstler:innen und Projekte, die den Kunstbegriff repräsentieren und reflektiert aus dem Blickwinkel der „blended art“ in unterschiedlichen Formaten über Begrifflichkeiten aus Kunst, Kultur und Gesellschaft.
Jessica Maria Toliver
Jessica Maria Toliver ist Künstlerin und geht auf Basis von Kohle, Holz, Papier und Graphit den Gegensätzlichkeiten von grober, archaischer Gestalt und filigraner Zerbrechlichkeit nach und beschäftigt sich mit der Authentizität und Reaktion ihres Materials.
Während der Künstlerresidenz „d’mage Paper Residency 2022“ führte ich mit der Künstlerin Jessica Maria Toliver ein Gespräch über die Bedeutung von Räumen – als Freiräume, aber auch als Rahmens, der uns im künstlerischen Schaffen Vorgaben macht und Grenzen setzt. Es ging um Räume, die uns inspirieren und buchstäblich innere Räume öffnen; über die Bedeutung von Künstlerresidenzen als künstlich erzeugte Tabula -Rasa -Momente und über das Material Papier als Ausgangspunkt. Und nicht zuletzt sprachen wir über Weiblichkeit, den Einsatz des eigenen Körpers und die Spannung zwischen der Intimität des künstlerischen Schaffens und der Öffentlichkeit der Kunst.
Martina Taubenberger: Unter „Blended Art“ verstehe ich künstlerische Ausdrucksformen, die völlig ohne Zuschreibungen oder Genrebezeichnungen auskommen. Mein Name ist Martina Thauenberger und im „Blended Art Space“ unterhalte ich mich mit Künstlerinnen und Künstlern, die das für mich verkörpern.
Jessica Maria Toliver: Ja, guten Abend!
Martina Taubenberger: Heute sitze ich hier mit Jessica Maria Toliver.
JMT: Toliver, genau.
MT: Jessica Maria Toliver – das ist ja auch viel schöner.
Das klingt eigentlich wie ein Name aus „Herr der Ringe“.
JMT: Ja, ein bisschen.
MT: Du bist mein nächster Gast im Blended Art Space – und erstaunlicherweise die erste Frau, wie mir neulich aufgefallen ist. Aber ich finde das gar nicht schlimm, weil ich bin ja selbst eine Frau und immer dabei.
JMT: Ich fühle mich aufgehoben.
MT: Du fühlst dich aufgehoben – sehr gut. Ich habe ja mal gesagt, dieser Podcast besteht aus Gesprächen, die ich um Mitternacht bei einem Glas Wein führe. Und wir können das bestätigen. Heute ist es genauso – nur sitzen wir auf dem Balkon.
JMT: Nur die Party unten haben wir verpasst.
MT: Aber jetzt klären wir erstmal: Was trinken wir?
JMT: Wir trinken einen Hans Moser.
MT: Einen Blaufränkisch… Leitarkalk.
Wie der in meine Wohnung gekommen ist, ist mir ein Rätsel.
JMT: Was total super ist, weil ich Oberfränkin bin.
MT: Sieht man dir an. Du kommst aus Coburg, bist in Schwerte gelandet und bist bildende Künstlerin. Um das gleich klarzustellen. Die erste Frage, die ich immer stelle: Wie haben wir uns kennengelernt?
JMT: Eigentlich gar nicht spektakulär. Über einen Telefonanruf – ich hatte eine Artist-Residency bekommen.
MT: Und ich habe dich angerufen, um Details zu klären.
JMT: Genau. Und du hast mir direkt das „Du“ angeboten.
MT: Ist das ungewöhnlich?
JMT: In der Musik nicht. Aber ich hatte ein bisschen Respekt – vor „der Doktor Martina“. Und dann habe ich Kinder im Hintergrund gehört – und fand das sofort sympathisch.
MT: Das freut mich. Ich fand dich auch direkt sympathisch. Und dann haben wir darüber gesprochen, die Residency etwas vorzuziehen, um euch intensiver zu begleiten.
JMT: Genau, das passte für mich perfekt.
MT: Vielleicht erklären wir kurz: Was ist die Demarche Paper Residency?
JMT: Das ist eine Residency einer Fine-Art-Printmanufaktur.
Künstler*innen bekommen Papier zur Verfügung gestellt und können frei damit experimentieren. Der Auftrag ist im Grunde: Tu, was du willst – geh an deine Grenzen.
MT: Was mich beeindruckt hat: Du hast in drei Wochen fast schon ein fertiges Konzept entwickelt.
JMT: Ja, das hat sich irgendwie ergeben.
MT: Was war anders an dieser Situation?
JMT: Ich hatte das Gefühl, ich habe einen Schlüssel bekommen zu einem Raum in mir, den ich noch nicht kannte.
Ich konnte völlig frei arbeiten – ohne Vorgaben.
MT: Kannst du das genauer beschreiben?
JMT: Es war eine sehr persönliche Art zu arbeiten.
Ich konnte vertrauen, dass etwas entsteht.
MT: Deine Arbeit ist sehr konzeptionell, aber auch performativ – im Entstehungsprozess. Was war dein mutiger Schritt?
JMT: Dass ich mich komplett auf den Raum eingelassen habe.
Und mit Materialien gearbeitet habe, die ich vorgefunden habe.
MT: Also ortsbezogen?
JMT: Ja. Ich hatte das Vertrauen, dass aus der Situation heraus etwas entsteht.
MT: Wie würdest du deine künstlerische Entwicklung beschreiben?
JMT: Ich verarbeite alles, was ich sehe und fühle. Und versuche, mit möglichst wenig Material eine starke Aussage zu erzeugen.
MT: Du arbeitest viel mit Papier, Holz und Flüssigkeiten.
Woher kommt das?
JMT: Ich glaube, aus Gegensätzen in mir. Ich kann sehr brachial sein – und gleichzeitig sehr fein.
MT: Und dann kam das Wasser in der Residency dazu.
JMT: Ja. Ich wollte ortsbezogen arbeiten – mit allem Wasser, das ich finde.
MT: Mit allen Wassern gewaschen.
JMT: Genau.
MT: Und dann diese Pfützenarbeit…
JMT: Ich habe das Papier in Baustellenpfützen gelegt.
Und später sogar mit einem Gabelstapler bearbeiten lassen.
MT: Ein sehr radikaler Schritt.
JMT: Ja, aber das gehörte dazu.
MT: Wenn man das so hört – dieses weiße, jungfräuliche Papier, dieser leere Raum – und dann dieser Eingriff… das ist ein sehr symbolischer Akt.
JMT: Ja, total.
Es war ein Startschuss. Ich wollte diese „White Page“ brechen.
MT: Also raus aus dem Sakralen?
JMT: Genau. Ich habe das Papier bewusst „verletzt“, um es zu öffnen.
MT: Und da kommt diese Intimität ins Spiel.
JMT: Ja. Das hat viel mit Weiblichkeit zu tun. Mit meiner eigenen Identität.
MT: Ich finde, diese Arbeiten könnten so nur von einer Frau kommen.
JMT: Ich glaube auch, dass ein Mann das anders machen würde.
MT: Welchen Einfluss hat dein Frausein auf deine Arbeit?
JMT: Einen großen. Ich beschäftige mich mit Körperlichkeit, mit Lebensphasen. Ich habe eine Tochter – und beobachte diese Entwicklungen.
MT: Und du arbeitest mit deinem eigenen Körper.
JMT: Ja. Ich wollte den Ausdruck direkt – ohne Umweg über Werkzeuge.
MT: Also du selbst als Medium.
JMT: Genau. Ich sehe das Papier als Partner.
MT: Hast du das vorher schon gemacht?
JMT: Nein. Das war neu.
MT: Und trotzdem wirkt es wie eine logische Weiterentwicklung.
JMT: Weil alles aufeinander aufbaut. Es geht um Verletzung, Transformation, vielleicht auch Heilung.
MT: Wie bist du zur Kunst gekommen?
JMT: Durch meine Eltern – und durch ein Scherenschnittbuch.
Da wusste ich: Ich arbeite mit Papier.
MT: Du bist Autodidaktin.
JMT: Ja.
MT: Und dein Weg?
JMT: Viel über Krisen. Und über Menschen, die an mich geglaubt haben.
MT: Deine Arbeiten sind auch sehr gut dokumentiert.
JMT: Ja, mein Partner ist Fotograf – wir arbeiten eng zusammen.
MT: Und Farbe?
JMT: Brauche ich nicht. Licht reicht mir.
MT: Wie geht es weiter?
JMT: Ich nehme viel mit und möchte diesen Weg weiterführen.
MT: Und dein größter Wunsch?
JMT: Mehr solche konzentrierten Arbeitsphasen wie diese Residency.
MT: Dann bleibt nur noch ein Schlusswort.
JMT: Meine Oma hat immer gesagt: „Inge, mit dir trink ich am liebsten.“
MT: Jessica, mit dir trinke ich am liebsten.
JMT: Martina, mit dir trinke ich am liebsten.
MT: Auf Wiederhören.