Interviews

Blended Art

Interview mit Rupert Sommer

„Genießer edler Tropfen wissen, was man sich unter einem schottischen Blended Whisky vorzustellen hat. Der Wortstamm erinnert ein wenig ans „Überblenden“, etwa bei Film oder Musik. Und natürlich denkt man vielleicht ans Farb-Mischen. Was allerdings fügt sich genau bei „Blended Art“ zusammen?“

Rupert Sommer: Genießer edler Tropfen wissen, was man sich unter einem schottischen Blended Whisky vorzustellen hat. Der Wortstamm erinnert ein wenig ans „Überblenden“, etwa bei Film oder Musik. Und natürlich denkt man vielleicht ans Farb-Mischen. Was allerdings fügt sich genau bei „Blended Art“ zusammen?

Martina Taubenberger: Der Vergleich mit dem edlen Tropfen gefällt mir. Tatsächlich kennt man den Begriff eher aus dem Bereich der Kulinarik und des Genusses. Bei einem „Blend“ werden verschiedene Bestandteile so komponiert, dass das Ergebnis edler ist als die Summe der einzelnen Teile. Es ist eine Veredelung, bei der nicht die Zutaten nebeneinander liegen, sondern sich zu etwas verbinden, was sehr komplex ist, aber eben in sich eine neue Einheit bildet. Bei der Blended Art sind es die verschiedenen Künste, die sich zu etwas verbinden, bei dem irgendwann nicht mehr relevant ist, ob es sich um Musik, Literatur, Theater, bildende Kunst, Performance handelt. Es ist etwas Neues, Eigenständiges. Im Zentrum steht der künstlerische Ausdruck als solcher. Nicht die Frage, in welche Schublade es passt.

RS: Sie haben den Begriff selbst in den aktuellen Kunstdiskurs eingebracht. Wie kamen Sie eigentlich speziell auf diese Wortschöpfung und welches innere Bild hat Sie dabei möglicherweise inspiriert?

MT: Der Auslöser, mich damit intensiver zu beschäftigen, war im ersten Schritt eher die Tatsache, dass die gängigen Begrifflichkeiten, mit denen wir Kunst kategorisieren, bei mir einen immer stärker wachsenden inneren Widerstand ausgelöst haben. Wir sprechen in der Regel von „Interdisziplinarität“ oder „Transdisziplinarität“. Dahinter steht das Bild, dass sich die künstlerischen Disziplinen irgendwie treffen oder über ihre Grenzen treten. Aber die Disziplin selber wird nicht hinterfragt. Das ist wie ein Schrank, bei dem vielleicht mal die Schubladen offenstehen, und man legt vielleicht mal was von links nach rechts. Aber es bleiben nun mal Schubladen. Den Begriff „Blended Art“ habe dann tatsächlich gar nicht ich kreiert, sondern eine Beraterin, mit der ich vor einigen Jahren an der Weiterentwicklung meines Unternehmens gearbeitet hatte, und die im Übrigen nichts mit Kunst zu tun hat. Ich habe ihr beschrieben, was mein Antrieb und meine künstlerische Vision ist. Da meinte sie irgendwann: „Könnte man das als Blended Art bezeichnen?“ Da hat es bei mir sofort „Klick“ gemacht.

RS: Es ist ja nicht so, dass es nicht zu wenige Fach-Termini oder Etiketten im Kunstbetrieb gäbe. Wie erhellend kann es trotzdem sein, die Sichtweisen einmal neu zu justieren und auch Expertenkollegen zum Innehalten und Nach-Horchen über einen neuen Begriff zu bringen?

MT: Ich glaube, wir dürfen die Sprache nicht unterschätzen. Begriffe haben eine unglaublich starke Wirkung. Sie strukturieren unser Denken. Sie haben mich ja auch gleich nach dem Bild gefragt, das hinter dem Begriff steht. Und es ist eben entscheidend, immer wieder zu überprüfen, ob das, was wir beschreiben wollen und der Begriff, mit dem wir es benennen, zusammenpassen. Deshalb bin ich der Meinung, dass ein Innehalten und Nach-Horchen immer gut ist, egal, worüber wir sprechen und nachdenken. Und gerade Kunst ist eine Ausdrucksform, die im besten Falle immer einen Schritt voraus ist.

RS: Dass sich das streng klassische Spartendenken bei den Künsten im Digital- und Anything-Goes-Zeitalter überholt haben mag, dürfte naheliegen. Trotzdem: Warum verwenden Sie für Misch- und Übergangsformen nicht etablierte Begriffe wie „interdisziplinär“ oder „multimedial“?

MT: Wie gesagt, diese Begriffe gehen meiner Meinung nach viel zu sehr vom eben Etablierten aus und passen einfach nicht mehr zu dem, was in der Kunst vielerorts passiert. Es mag zwar eine Binsenweisheit sein, dass sich das klassische Spartendenken überholt hat – es ist aber bei Weitem noch nicht wirklich dort angekommen, wo über Kunst entschieden wird. Der Großteil unserer Förderinstrumente geht nach wie vor von Sparten aus. Sie glauben nicht, was ich alles erlebe. Ich versuche gerade mal wieder, eines meiner Konzepte für Förderprogramme einzureichen. Leider ist es zu theatral für die Musikförderung. Für die Musiktheaterförderung ist es leider nicht theatral genug. Tanzförderung geht nicht, weil der Schwerpunkt doch zu sehr die Klangkunst ist. Für die bildende Kunst passt es schon gleich gar nicht. Viel zu viel Darstellendes. Und es ist nun mal so: Es wird realisiert, was gefördert wird oder was einen Abnehmer auf dem kommerziellen Markt findet. Und überall sehnen sich die Menschen nach Kategorisierungen. Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. Aber es verhindert echte Innovation. Ich würde mir wünschen, dass wir uns mehr trauen, wirklich frei zu denken. Dass wir uns mehr zutrauen. Letztlich ist ja „Blended Art“ dann auch wieder ein Begriff. Aber er passt für mich, weil er sich der Festlegung auf irgendeine Art von Sparte verweigert.

RS: Spätestens seit Richard Wagner geistert ja auch immer wieder die Idee von einem „Gesamtkunswerk“ durch die Debatten. In wie weit könnte damit auch Blended Art gemeint sein – oder beißen sich die Begriffe eher?

MT: Das ist eine sehr interessante Frage. Vom Grundgedanken her trifft es das vielleicht. „Gesamtkunstwerk“ ist allerdings ein historischer Begriff, der mit dem universellen Kunstverständnis der Epoche der Romantik verknüpft und dadurch stark überhöht ist. Da geht es auch um eine Verbindung zum Transzendenten und um das Göttliche im Künstler. Wir bringen das „Gesamtkunstwerk“ mit Richard Wagner in Verbindung, der zwar die Integration aller Künste in eine Form propagiert hatte, dann aber in der Oper doch die Musik über alles stellt. So ist der Begriff zwar nicht falsch, aber er verweist eher auf das große monumentale, alles umspannende Werk, während „Blended Art“ für mich etwas Wendiges, Fluides ist, das eben bewusst nicht wieder „alle Künste“ integriert, sondern unabhängig von einem Denken in „verschiedenen Künsten“ purer künstlerischer Ausdruck ist. Das kann auch etwas sehr Subtiles, Feines sein. Und nicht immer gleich wieder „die große Bühne“.

RS: Wie erklären Sie sich eigentlich die Tatsache, dass Künstler heutzutage sich so gerne an Grenzen heranwagen, um diese dann zu überwinden oder sogar das Gesamtkonzept der Einteilungen zu hinterfragen?

MT: Nun, das ist für mich letztlich das Wesen der Kunst. Wenn wir aus dem Kunstbereich heraus uns nicht an die Grenzen heranwagen, wer tut es denn dann? Im Bestfall die Wissenschaft – da sind sich die beiden Bereiche wohl am ähnlichsten.

RS: Lässt sich die komplexe Gegenwart tatsächlich nur so sehen?

MT: Sie spielen auf darauf an, dass sich viele Menschen Orientierung in einer ohnehin komplex gewordenen Wirklichkeit wünschen. Das mag sein, aber die Lösung im Umgang mit einer komplexen Realität ist nicht die Vereinfachung oder die Kategorisierung. Das ist ja letztlich eine Schein-Orientierung. Ich finde es viel wichtiger, dass wir die Menschen einladen, ihre eigenen Orientierungssysteme und Referenzpunkte zu finden. Wir müssen wieder lernen, unseren eigenen Sinnen zu trauen.

RS: Welche Freiheiten bieten die Blended-Art-Ansätze der Kunst und den Kunstschaffenden?

MT: Mein Traum wären Förderinstrumente, die völlig spartenunabhängig Kunst unterstützen. Mein Traum wären Publika, die nicht mehr fragen, was es ist und wo es einzuordnen ist und welches Abonnement sie abschließen müssen, um keine Überraschungen zu erleben – die neugierig und durchlässig sind und die sich einlassen.