Essay

Gerechtigkeit

Essay von Martina Taubenberger, Erstveröffentlichung im WERK-Magazin 07.23

„Let’s Burn It Down! Oder: Was ein Konzerthaus mit Gerechtigkeit zu tun hat.“

Let’s Burn It Down!
Oder: Was ein Konzerthaus mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Ein Essay über Gerechtigkeit in der Kunst soll ich schreiben. Ich schaue gerne Anwaltsserien und Gerichtsdramen. Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ist eines meiner Lieblingsdramen. Schon seit Studienzeiten. Die Ästhetik des Bösen fasziniert mich. Ich bin prädestiniert, ein Essay über Gerechtigkeit in der Kunst zu schreiben. Mein Thema.

So ziehe ich hochmotiviert los in die Recherche. Ein Google-Sucheintrag bringt Hunderte Ergebnisse hervor. Eine Frage sticht mir ins Auge, ein Titel aus einem sehr kurzen Zeitungsartikel: Was hat Gerechtigkeit mit Kunst zu tun? Es geht um eine wohl misslungene Ausstellung. Kein Aufhänger für ein Essay.

Aber die Frage bleibt.

Was hat Gerechtigkeit mit Kunst zu tun?

Ich merke, die Frage tut weh. Denn sie berührt einen Punkt ganz tief im Selbstverständnis von Künstlerinnen und Kulturschaffenden. Auch in meinem. Wir sind doch das Korrektiv der Gesellschaft. Wer, wenn nicht wir, setzt sich ein für Gerechtigkeit? In Fragen der Gendergerechtigkeit waren die Kultureinrichtungen und Kunstschaffenden die ersten, die einen entspannten Umgang damit im Alltag gefunden hatten. Mein Team hatte schon früh das große I gesetzt, schon vor Jahren. Später das Gendersternchen. Als wir uns mit Barrierefreiheit befasst haben, wurde es dann der Doppelpunkt, wegen der Maschinenlesbarkeit.

Der Kulturbereich setzt sich ein für soziale Gerechtigkeit und prangert Missstände in der Gesellschaft an. Wir sind doch über jeden Zweifel erhaben. Was soll die Frage?

Und doch – die ersten #metoo-Skandale kamen aus dem Filmbusiness, aus dem Theater. Wir sind hier nicht das Korrektiv der Gesellschaft. Hier sind wir bestenfalls der Spiegel. Und die Lage ist komplex. Denn die Strukturen im Kulturbereich werden weniger hinterfragt, weil sie für die Allgemeinheit häufig schwerer durchschaubar sind. Machtgefälle und – ja – soziale Ungerechtigkeiten zementieren sich in teilweise Jahrhunderte alten Strukturen. Natürlich, das ist in allen Gesellschaftsbereichen so. Aber bei uns in der Kunst geht es um mehr. Es geht um unsere Glaubwürdigkeit, um unser Selbstbild. Die Welt der Kunst ist ein Mikrokosmos, der sowohl die schönsten als auch die schärfsten Facetten

menschlicher Natur reflektiert. Trotzdem müssen wir versuchen, besser zu sein als die anderen.

Wenn wir das schon nicht schaffen – wer denn dann?

Gerade die bildende Kunst tut sich schwer, wenn es um Gerechtigkeit geht. Im Namen des Kunstmarkts werden Werke oft zu exorbitanten Preisen gehandelt, während viele talentierte Künstlerinnen im Schatten des Marktes verharren. Die Frage, ob Kunst als Investition oder Ausdruck behandelt werden sollte, ist von entscheidender Bedeutung bei der Überlegung, wie sich Wertschätzung in der Kunst äußert und wie Ressourcen gerechter verteilt werden könnten.

Und die Ungerechtigkeiten machen nicht am Bühnenrand halt. Denn auch das Publikum in unseren Theatern, Konzerthäusern und Museen ist weit davon entfernt, ein gesellschaftlicher Querschnitt zu sein. Kultur ist oft teuer und nur für privilegierte Schichten erschwinglich. Das hat viel mit Bildung zu tun und leider auch mit der Frage nach dem sozialen Status. Es ist wesentlich leichter, aufzuzählen, warum Menschen NICHT ins Theater oder ins Konzert gehen, als Gründe zu finden, warum sie gehen. Ökonomische Zugangsbarrieren sind nur ein Aspekt – soziale, kognitive, physische Barrieren, bis hin zu ganz individuellen und oft subjektiven Barrieren machen den Weg vom Sofa in die Oper buchstäblich zu einem Hindernislauf. Nicht alle kann die Kultureinrichtung abbauen. Aber es gäbe da schon einige, die man sich genauer ansehen könnte. Der buchstäbliche Treppenlift ist hier meist die Kulturvermittlung oder das Marketing. Kommunikation soll alles richten. Das ist nicht falsch, aber auch nicht alles. Letztlich muss die Kunst runter vom Sockel. Das würde vieles erleichtern. Aber mal Hand auf’s Herz… wollen wir das? Wir Bildungsbürgerinnen? Wollen das die Intendantinnen und Chefdirigenten? Wollen es denn überhaupt die Künstlerinnen und Künstler?

Und will das Publikum das? Wir, die wir wissen, wie man sich in einem Symphoniekonzert benimmt, wann man im Jazzclub und in der Philharmonie klatscht und wann nicht und aus welcher Epoche ein Bild stammt? Wollen wir, dass all dieses Wissen und diese Kodizes, die uns als gebildete kulturaffine Bürgerinnen ausmachen, nichts mehr bedeuten?

„Burn It Down!“ – Brennt ihn nieder, soll Leonard Bernstein gesagt haben, nachdem er zum ersten Mal in der Münchner Philharmonie im alten Gasteig dirigierte. Grund für den Ausruf war die angeblich so schlechte Akustik im Saal. Das ist lange her, und vor dem Hintergrund unserer Diskussion wirkt es fast arrogant. Und dennoch – immer noch diskutieren wir in der klassischen Musik über feinste Nuancen in der Akustik, in der Interpretation, in der Qualität. Auf einem Level, den der normale Konzertbesucher garnicht

nachvollziehen kann. Da ist es doch kein Wunder, dass der kollektive Aufschrei an der Basis ausbleibt, als der Ministerpräsident mitsamt seinem Kunstminister im Schlepptau in die Denkpause geht, ob er sein Konzerthaus im Werksviertel nun bauen soll oder nicht. Ein „Konzerthaus für alle“ soll es sein. Aber wo vermittelt sich das denn? Und wer fühlt sich davon angesprochen? Ergo: Wer soll da schreien? Und an welcher Basis überhaupt? Da sind auch die Bildungsbürger kurz erschrocken, wie wenig die Frage, über was in der Staatskanzlei hier eigentlich nachgedacht wird oder nicht, die breite Mehrheit überhaupt interessiert hat. Da ist sie wieder, die landläufige Meinung: Kultur ist wichtig, hat aber nichts mit mir zu tun. Und teuer ist sie auch noch.

Deshalb ja – „let’s burn it down!“.

Allerdings nicht den Konzertsaal und nicht die Baupläne für das Bayerische Konzerthaus. Sondern die mit einem Konzerthaus assoziierten Strukturen und Vorurteile. Die alten Konzepte. Lasst uns alles abfackeln, was wir denken, über Konzerthäuser zu wissen, über Kultureinrichtungen im Allgemeinen.

Diese Brache im Werksviertel, zu Füßen des Riesenrads, die wie eine offene Wunde im Selbstverständnis des Bildungsbürgertums klafft, ist eine riesige Chance. Es ist die Chance, hier etwas aufzubauen, das mehr ist als nur ein Haus für klassische Musik. Hier kann eine Kultureinrichtung entstehen, die von Anfang an versucht, offen und zugänglich zu sein, die sich intensiv mit Themen der sozialen Gerechtigkeit beschäftigt und gleichberechtigte Zugänge zu Kultur schafft – nicht nur im Publikum, sondern auch auf und hinter der Bühne. Das hat nichts mit der Architektur zu tun, sondern mit dem Selbstverständnis, mit Formaten, mit Haltung, mit Konzepten.

Die Brache steht hier auch für die Ratlosigkeit der Verantwortlichen, wirklich innovative und subversive inhaltliche Konzepte für ein Konzerthaus im 21. Jahrhundert zu finden, die über die digitale Ausstattung hinausgehen. Aber ein leerer Bauplatz ist auch ein Versprechen, dass alles immer noch neu gedacht werden kann. Dass weitergedacht werden muss. Bis zum Spatenstich, bis zur Grundsteinlegung, ja im Grunde bis zum Richtfest. Man braucht keine Pause, um nachzudenken. Ganz im Gegenteil. Man sollte nur im Tun das Denken nicht aufgeben. Und das Zweifeln. Es geht wieder einmal um Zwischenräume, um den Zauber des Noch-nicht-gebauten. Es geht darum, diesen Zauber zu erhalten, auch in einem dereinst hoffentlich mal fertiggestellten Konzerthaus. Und es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen.

Dann kann Kunst wieder sein, was sie sein könnte.

Nämlich Plattform für sozialen Wandel und die Ermächtigung von Stimmen, die sonst ungehört blieben. Dann kann Kunst uns mit sozialen Ungerechtigkeiten und politischer Unterdrückung konfrontieren, und uns zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Vorstellung von Gerechtigkeit einladen. Die Frage darf nicht sein, ob wir im 21. Jahrhundert noch ein Konzerthaus brauchen. Die Frage muss sein, welche Art von Konzerthaus wir brauchen.

Let’s build it!